2022: Verbandsarbeit vom 04.01.2023
Auch in diesem Jahr hat sich, wie 2021 Soziokratie, in meiner Arbeit ein übergreifendes Thema herausgebildet. Das Thema Verbandsarbeit ist mir in verschiedenen Beratungszusammenhängen explizit oder versteckt begegnet. Meine Erfahrungen beim Paritätischen, Landesverband Brandenburg waren dabei ein guter Erfahrungshintergrund. Denn Verbandsarbeit ist eine besondere Arbeit, eine spezifische Form der Organisation, die sich stark aus ihrer Beziehung zu ihren Mitgliedsorganisation bestimmt. Diese Beziehung hat unterschiedliche Facetten. Zudem unterscheide ich unterschiedliche Aufgabenbereiche von Verbänden. Beziehungsgestaltung und Auftragsklärung sollten m.E. in der Verbandsarbeit in regelmäßigen Abständen nachjustiert werden.
1 Verbände und ihre Mitgliedsorganisationen
Verbände übernehmen in der Regel einen Auftrag von ihren Mitgliedsorganisationen. Die Mitgliedsorganisationen sind Auftraggeber, wobei es sich meistens neben fachlicher Beratung auch um die gebündelte Interessenvertretung gegenüber Dritten geht. Dritte können politische Entscheidungs- oder Leistungsträger (bspw. vertreten Wohlfahrtsverbände Pflegeeinrichtungen gegenüber den Pflegekassen, Jugendringe bündeln die Interessen von Jugendverbänden gegenüber politischen Entscheidern) sein, aber auch ganz allgemein die Öffentlichkeit oder andere Marktteilnehmer.
Im Bereich der politischen Interessenvertretung können Spannungen in der Mandatierung auftreten, sofern der Verband eine eigene politische Agenda bzw. Ausrichtung entwickelt. Hier ist die innerverbandliche Aufgabe, einerseits die eigenen Beteiligungs- Meinungsbildungsprozesse zu gestalten und aktiv den Kontakt zu ihren Mitgliedern zu halten. Andererseits muss der Verband mit seinen Mitgliedern bestimmen, in welchem Rahmen und bei welchen Themen er das Mandat für politische Stellungnahmen hat.
2 Arbeitsfelder von Verbänden
Ich unterscheide vier Arbeitsfelder von Verbänden gegenüber ihren Mitgliedsorganisationen. Jedes der Felder hält einige Aufgaben für die eigene Ausrichtung bereit:
- Fachliche Beratung
Verbände behalten oft Wissen für die Mitgliedsorganisationen bereit um sie damit zu entlasten. Das können Fachinformationen in den Kernaufgaben der Mitgliedsorganisationen sein (bspw. Änderungen in den Gesetzesgrundlage oder Weiterbildungen zu Fachthemen). Hier besteht die Aufgabe des Verbandes darin, die eigenen Angebote auf der Grundlage der Bedarfe der Mitgliedsorganisationen zu entwickeln. Dies erfordert Fachexpertise und eine gewisse Praxisnähe des Verbandes, und gleichzeitig ein darüber hinausgehendes Expert:innenwissen und die Zeit, Themen und Informationen angemessen aufzubereiten. - Vertretung gegenüber Mittelgebern/Leistungsträgern
Hier denke ich vor allem an den sozialen Sektor, in dem die Sozialverbände die Mitgliedsorganisationen in den Kostensatzverhandlungen unterstützen. Dafür muss Wissen zu den Sozialgesetzbüchern und zur inneren Funktionsweise des Gegenüber (öffentliche Verwaltungen, Pflegekassen, etc.) sowie Verhandlungsfähigkeit im Verband vorgehalten werden. - Politische Vertretung
Diesen Aspekt habe ich oben schon behandelt. Die Aufgabe von Verbänden ist es, das eigene Mandat mit den Mitgliedsorganisationen zu bestimmen: Welche Aussagen zu welchen Themen sind von den Mitgliedsorganisationen gedeckt? - Vernetzung
Verbände können auch die Aufgabe wahrnehmen, ihre Mitglieder zu vernetzen, bspw. um Erfahrungen zu teilen, oder um sich gemeinsam Marktvorteile zu erarbeiten. Auch hier kann es, sofern die Bedarfe da sind, Aufgabe des Verbandes sein, entsprechende Möglichkeiten und Formate bereit zu halten.
3 Spannungsfelder der Verbandsarbeit
Drei Spannungsfelder sind mir in der Praxis begegnet:
Erstens konzentriert sich in der Regel Fachexpertise im Verband, der für die Interessenvertretung und / oder Fachberatung eingesetzt wird. Gleichzeitig befindet sich die Fachexpertise der Praxis und Profession bei den Mitgliedsorganisationen. Eine zentrale Aufgabe ist es daher, die unterschiedlichen Wissensbestände in einen produktiven Austausch zu bringen.
Zweitens: Im Arbeitsfeld politische Interessenvertretung können sich die politischen Positionen von Mitgliedsverbänden untereinander und / oder vom Verband und (einzelnen) Mitgliedsorganisationen mitunter stark unterscheiden. Der politische Entscheidungsdruck während der Coronapandemie und der dabei auftretenden Spannungen im sozialen Sektor, bspw. im Jugendhilfe oder im Pflegebereich, zeigen dafür eindrucksvolle Beispiele. Die schwierige aber zentrale Aufgabe ist es, diese Spannungen untereinander zu gestalten und gleichzeitig einen gemeinsamen Kern und Auftrag zu bewahren.
Drittens: Gerade im Sozialsektor gibt es oft eine "vermittelte Lobbyarbeit", bspw. wenn ein Jugendring, die Interessen von Jugendlichen vertritt, diese aber nur (wenn überhaupt) als Mitglieder von Jugendverbände Teil des Jugendrings sind. Oder Klienten von sozialer Arbeit (bspw. der Jugendhilfe oder von Hilfen zur Erziehung) tauchen nur als Nutzer:innen bspw. von Beratungsstellen in der Wahrnehmung von Wohlfahrtsverbände auf. Diese sind damit sowohl Interessenverter derer, die keine Interessenvertretung haben und der Einrichtungen der sozialen Arbeit.
Die Ausrichtung der Verbandsarbeit an den eigenen Zielen unter Berücksichtigung der Mitgliedsorganisationen ist eine komplexe Aufgabe, die regelmäßig nachjustiert werden sollte. Sprechen Sie mich gerne für ein individuelles Format dazu an.
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