Beratungsansatz "Pädagogisches Handeln und Professionalität" vom 11.11.2023
Was heißt es, pädagogisch tätig zu sein? Worin bestehen die besonderen persönlichen Anforderungen und wie kann das pädagogische Personal damit umgehen? Solche und ähnliche Fragen tauchen regelmäßig in meinen Teamcoachings in pädagogischen Einrichtungen auf, wenn auch in konkreterer Form: "Kind xy bringt mich regelmäßig an meine Grenze!" oder "Yz will sich einfach nicht helfen lassen" sind typische Fallerzählungen. Meine Beratungen zielen darauf, ausgehend von diesem Fall, das eigene pädagogische Selbstverständnis der Fachkräfte zu beleuchten. Indem die eigenen Handlungsmuster und die zugrundeliegenden Grundannahmen in Form (a) theoretischen Wissens und (b) individueller Anteile thematisiert werden, treten auch die eigenen Begrenzungen zutage, was neue Handlungsoptionen und damit neue Lösungswege ermöglicht.
In meinem Beratungsansatz folge ich dem Verständnis pädagogischen Handelns und pädagogischer Professionalität von Werner Helsper, das sich durch folgende Aspekte auszeichnet:
- zentral für pädagogisches Handeln ist die Beziehungsarbeit und -gestaltung. Beziehung geht nicht, ohne die eigene Person mit in die Beziehung zu geben und so eine persönliche Bindung zu ermöglichen. Professionalität heißt hier, die Beziehung auf das notwendige Maß zu begrenzen. Dafür ist es nötig, die eigenen Anteile (bspw. den eigenen Wunsch, gebraucht zu werden) zu kennen, damit die Entwicklung des Klienten und nicht das eigene Bedürfnis die Steuerung übernehmen. Zudem schützt die "professionelle Distanz" davor, die persönlichen Schicksale der Klientel emotionale mit in das Privatleben zu nehmen und ist damit eine Voraussetzung für Resilienz.
- Eine tragfähige pädagogische Beziehung ermöglicht es, Klienten bei der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben in ihren spezifischen Lebensabschnitten oder -situationen zu begleiten. Es lassen sich typische Entwicklungsaufgaben (Urvertrauen entwickeln, die eigene Rolle finden, schreiben lernen...) nach Lebensabschnitten (bspw. frühe Kindheit, Pubertät, Midlife, Übergang ins Rentenalter o.ä.) oder -situationen (Schwangerschaft, Obdachlosigkeit, Berufsübergänge o.ä.) unterscheiden. Da jeder Mensch diese Aufgaben aus seiner spezifischen Ichheit heraus selbst bewältigen muss, kann pädagogisches Handeln nicht in der strikten Vorgabe, sondern nur in der orientierenden und unterstützenden Begleitung erfolgen.
Daraus ergeben sich Klärungsaufgaben für die pädagogische Selbstverortung: Welche Entwicklungsaufgabe(n) ist/sind für die aktuelle Betrachtung am wichtigsten? Unterstütze ich mit meiner pädagogischen Arbeit, die aktuellen Bedürfnisse meiner Klienten? Zielt meine Arbeit auf die Entwicklung und Selbststärkung der Klienten, mache ich mich also überflüssig, oder baut sich eine Abhängigkeit von der Hilfetätigkeit auf? - Professionell pädagogisches Handeln greift zurück auf wissenschaftliche Erkenntnisse, die etwas verkürzt aus Verallgemeinerungen, Abstraktionen, Kategorisierungen und dem Feststellen von Kausalzusammenhängen besteht. Damit liefert es Orientierung und erweitert die Interpretationsfähigkeit für Pädagog:innen. (Pädagogisch-) praktisches Handeln findet aber zwischen konkreten Personen mit je eigenen Geschichten, Interpretationen und Bedürfnissen statt, ist sozial sowie institutionell gerahmt und ist flüchtig und situativ. Die Aufgabe im professionell-pädagogischen Handeln besteht also im Abgleichen der eigenen Interpretationen des je einzigartigen Falls auf der Grundlage wissenschaftlich fundierten Wissens.
- Die oft hohe Komplexität von pädagogischen Situationen (bspw. Schulsetting mit weit über zwanzig Beteiligten) führt dazu, dass sich pädagogisches Handeln zwar planen lässt, es aber sehr störanfällig ist. Die situative Flüchtigkeit pädagogischen Handelns führt dazu, dass sein Scheitern nur retrospektiv analysiert werden kann. Es erfordert Frusttolerenz, gescheiterte Situationen anzuerkennen und die Bereitschaft, diese nachträglich zu reflektieren, um die eigenen Anteile und die Angemessenheit des eigenen Vorgehens zu bestimmen. Die Reflektion des pädagogischen Handelns und der akzeptierende Umgang mit schwierigen bzw. gescheiterten Situationen ist in meinem Verständnis sowohl die Grundlage für die individuelle Weiterentwicklung, Stärkung von Resilienz als auch für eine organisationsweite Qualitätsentwicklung für pädagogische Einrichtungen.