Mit Podcasts ein System zum sprechen bringen vom 18.08.2021
Was braucht es, um ein System in Bewegung zu bringen? In einem aktuellen Changeprojekte dreht es sich um diese Frage. Die begleitete Organisation besteht aus viel unbezahlter Arbeit und unklaren Entscheidungsverfahren: Die Organisation hat außer dem Festhalten am "Konsens-Prinzip" und einem monatliche tagenden Entscheidungsgremium keine definierten Prozesse und unklare Mitgliedschaften. Es ist nicht klar zu bestimmen, wieviele Nutzer:innen oder aktive Projekte sich beteiligen, wer für eine Entscheidung gefragt werden muss und ab wann etwas entscheiden ist.
Aus dieser kurzen Beschreibung lässt sich erahnen, was das Problem dieser Organisation ist: Sie ist gelähmt von zu wenig Beteiligung (Leute bringen sich nicht in dem Maße in die entscheidenden Themen der Organisation ein), zu viel Beteiligungsmöglichkeiten (Leute sind überfordert und steigen aus), nicht von allen getragenen Entscheidungen und Vorwürfen in alle Richtungen (jemand hat nicht alle beteiligt und alle haben sich nicht ausreichend beteiligt). Nach den Vorwürfen kommt die Angst: Ich habe nicht alles im Blick, ich habe jemanden nicht gefragt, ich habe etwas falsch gemacht. Und mit der Angst die Lähmung - besser nichts machen.
Wie kann ich nun hier beratend tätig sein? Es gibt nur ein grob umrissenes Klientensystem, das sich vor allem durch Unbeständigkeit auszeichnet. Es gibt nur eine dysfunktionale Entscheidungsstruktur. Und dabei den Anspruch, dass alle beteiligt und mitgenommen werden müssen. Und obwohl viele Interpretationen und Erklärungen für die eigene Situation kursieren gibt es keinen Raum, der den Austausch über dieser Interpretationen zulässt. Die Abstimmung einer gemeinsamen Problemsicht und darüber hinaus einer gemeinsamen Zukunft wird zudem in Teilen auch noch abgelehnt.
Nicht unerwartet treten dem Berater (also mir) und den Themen, die er mitbringt einige Widerstände entgegen. Um diesen zu begegnen wählte ich die von Königswieser (2019, Systemische Interventionen) beschriebene Einstiegintervention, das Interview, das ich auf die Spezifik meiner Organisation angepasst habe. Das System sollte zu sich sprechen und lernen, Stimmen aus sich wahr- und ernstzunehmen. Daher fanden die Interviews semiöffentlich in intern veröffentlichten Podcasts statt. Die Auswahl der Interviewpartner:innen fand, abgesehen von den ersten dreien, durch Nominierung statt. Ich habe dabei dem System vertraut, selbst die wichtigen Stimmen auszuwählen, wodurch auch eine breite Streuung von Personen und Perspektiven erreicht wird.
Wir sind noch im Prozess des Sprechens und anfänglichen Zuhörens, insofern kann ich den Effekt noch nicht abschließend bewerten. Aber es gibt bereits Rückmeldungen aus der Breite des Klientensystem, die zeigen, dass die Interviews wahrgenommen werden. Und die Art der Gespräche und der Rückmeldungen zeigen mir, dass es einen Ort des Sprechens und des Zuhörens benötigt hat. Denn seit dem wird weniger geschrien und mehr wahrgenommen.