NWX 22 - Celebrating Work | Pioneering Culture vom 22.06.2022
Am Montag (20 Juni) war ich zu Besuch in Hamburg bei der New Work Experience 2022 "Celebrating Work | Pioneering Culture". Das Programm war so dicht, dass ich beinahe das Buffet verpasst hätte. Die Elbphilharmonie und den damit verbundenen Blick über Hamburg und seinen Hafen habe ich sehr genossen. Zudem sind auch ein paar interessante Impulse hängen geblieben, die ich hier teilen möchte.
Richard David Precht ging in seiner Key Note "Freiheit für alle. Das Ende der Arbeit wie wir sie kannten" von der Differenz von Work und Labour aus. Den Unterschied sieht er darin, dass Labour, anders als Work, nicht der Selbstverwirklichung, sondern einzig dem Broterwerb dient. In den Begrifflichkeiten der Szene: Labour fehlt der Purpose. Parallel dazu attestiert er der einen aktuell sich vollziehenden Wechsel von der "Arbeits- zur Sinngesellschaft", heißt in den individuellen Orientierungen und Wertmaßstäben steigt sinnhafte Tätigkeit und damit verbunden Selbstverwirklichung als Handlungsmotivation gegenüber einer einfachen, wenn auch gutbezahlten Produktionstätigkeit:
"In einer Sinngesellschaft keinen Sinn zu finden ist schlimmer, als in einer Arbeitsgesellschaft keine Arbeit zu finden", sagt er. Dabei streift er das Thema Privilegien, schließt das Thema allerdings mit der Beobachtung, dass bei einer so umfassenden und grundlegenden Veränderung im Verhältnis von Mensch, Arbeit und Konsum auch der Rahmen entsprechend anpassen müsse. Das heißt, dass nicht Arbeit besteuert werden dürfe, sondern Konsum.
Der Conclusio folge ich in ihrem grundlegenden Gedanken: Tätig sein, ob im Sinne der Produktion oder Reproduktion schafft einen gesellschaftlichen Nutzen, der nicht durch eine Steuer "bestraft" werden sollte. Zwei Jahre Pandemie und sechs Monate Krieg in der Ukraine zeigen die hohe gegenseitige Abhängigkeit auch von Berufsgruppen, die bisher nicht als "systemrelevant" in Erscheinung traten. Das System in Gänze hat sich dabei sowohl als stabil erwiesen, gleichzeitig zeigt sich eine sehr fragile Stabilität. Grundsätzlich teile ich den Gedanken, dass auf der individuellen Ebene Arbeit im Sinne von Tätig sein (Hannah Arendt) eine Form des Austauschs mit der (sozialen) Welt ist, etwas Selbstverwirklichendes hat. Die Besteuerung der Arbeit, die ja etwas in die Gesellschaft gibt, macht so gesehen weniger Sinn, als die Besteuerung des Konsums, der ja etwas aus dem kollektiv Erarbeiteten verbraucht.
Ob daraus ein funktionierendes Steuersystem gestrickt werden kann, würde mich interessieren.
An dem Vortrag habe ich begrüßt, dass er den Tag, der immerhin mit "celebrating work" überschrieben war, mit einer grundsätzlichen Betrachtung des Begriffs Arbeit begann. Ob die Differenz mit/ohne Purpose die maßgebliche ist, sei dahingestellt. Die zentrale Frage für mich ist, welcher Mehrwert wird produziert, und von wem wird er abgeschöpft. Oder anders gesagt: Wer labourt für mich, während ich worke?