Organisation in Zeiten der Krise vom 28.03.2020

Organisation in Zeiten der Krise

Stefan Kühl fragt in "Krisen – Der Umgang von Organisationen mit Kriegen, Hungersnöten und Pandemien" nach der Bedeutung von Krisen, speziell der aktuellen, für Organisationen. Gemäß seiner Profession als (Organisations-) Soziologe liefert er Analysen, und das macht er gut. Hier möchte ich die aus dem Text für mein Beratungshandeln relevanten Punkte vorstellen.

Herausforderungen für die Organisation
Kühl weist darauf hin, dass Krisensituationen die Arbeitsweise von Organisationen in dreierlei Hinsicht herausfordern:

  1. Sie testen ihre (finanziellen) Fettpolster, da durch Krisen Einnahmen wegbrechen können. Das zwingt zum Einsatz zurückgelegter Ressourcen für den normalen Betrieb. Krisen zeichnen sich dabei dadurch aus, dass schnellstmöglich zusätzliche Ressourcen für das Überleben herangeschafft werden müssen. In normalen, also nicht krisenhaften, Phasen wird aus ökonomischen Gründen hingegen der Abbau von Puffern, also ungenutzten Ressourcen, propagiert.
  2. In Krisen zeigt sich, wie eng eine Organisation an ihre Umwelt gekoppelt ist. Dies beschreibt den Grad der Abhängigkeit und ob diese Kopplungen das Bestehen der Organisation gefährdet.
  3. Zudem stellen Krisen die Entscheidungsstrukturen einer Organisation auf die Probe, wobei auf dem Prüfstein steht, "wie viel Zentralität und Dezentralität sinnvoll sind". Interessant ist sein Schluss, dass dies letztendlich gar nicht so entscheidend ist, da durch Kopplung an die Umwelt über kurz oder lang eh das Gleiche passieren wird. Dies ist aber in einem durch die Krisensituation evozierten Entscheidungsdruck schwer zu kommunizieren und kann auch nicht die Handlungsmaxime von Verantwortungsträgern innerhalb einer Organisation sein.

Ableitungen für die Beratung
Kühl liefert damit drei Achsen, anhand derer die Anfälligkeit einer Organisation auf eine externe Krise bewertet werden können. In Krisen fehlt oft die Zeit für Reflexion und Analyse. Neben den ganz handfesten Bedrohungen wie der Wegfall von Einnahmen prägen sie die Organisation damit durch Unsicherheit und unübersichtliche Komplexität. Dabei bieten die drei vorgeschlagenen Achsen Orientierung und erleichtern die interne Krisenbewältigung:

  1. Der Ressourcen-Fokus fragt, welche Ressourcen vorhanden und welche notwendig sind sowie welche wie beschafft werden können bzw. müssen. Über die konkrete Krisenbewältigung hinaus stellen sich zwei weitere Fragen: (a) Welche Ressourcen müssen in welcher Menge vorgehalten werden? Und, mit seinem zusätzlichen Blick auf den Zusammenhang von Ressourcen-Puffer und Innovation, (b) welche Ressourcen müssen über den normalen Betrieb hinaus eingesetzt werden, um eine kontinuierliche Innovationsfähigkeit der Organisation zu gewährleisten.
  2. Der Fokus auf die Kopplung an die Umwelt fragt nach Abhängigkeiten: Wie stark ist die Organisation bspw. an einzelne Absatzmärkte oder Mittelgeber gebunden? Was sind die sonstigen spezifischen Abhängigkeiten der Organisation, gibt es Alternativen und hängt das Überleben der Organisation davon ab?
  3. Der Fokus auf die Entscheidungsstrukturen fragt danach, ob Entscheidungen auch im Fall der Krise effektiv getroffen und umgesetzt werden können. Wer kann was wie entscheiden und bekommen das auch alle mit?

In der Beratung sondieren wir, welche dieser Achsen für Ihren Einsatzfall beleuchtet werden müssen. Darauf folgt der Ist-/Sollabgleich, um konkrete Handlungsoptionen abzuleiten. Wenn das einfach klingt, haben die vorgeschlagenen Achsen ihren Sinn erfüllt: Sie haben Orientierung geschaffen. Für die konkrete Umsetzung benötigt dies allerdings einen offenen Umgang, ein beherztes Vorgehen und wahrscheinlich auch etwas Zeit und Kraft. Eine beratende Prozessbegleitung biete ich Ihnen gerne an.

Kleiner Nachtrag
Der von Kühl zudem angesprochene Zusammenhang von Organisation und gesellschaftlichen Teilbereichen bzw. Subsystemen ist theoretisch interessant aber je nach Beratungsszenario unterschiedlich relevant. Einerseits stellt die Einbindung in gesellschaftliche Kontexte eine für die Beratung wichtige Umweltbeobachtung dar und kann niemals komplett außen vor gelassen werden. Inwiefern diese aber die Situation bestimmt, hängt bspw. von der Größe der Organisation und der Ausprägung des Gestaltungsinteresses ab. Darüber hinaus gibt es (vor allem politische) Organisationen, deren Arbeitsbereich selbst die Gestaltung von Umweltbedingungen für andere Organisationen ist. Dieser besondere Fall verdient jedoch einen eigenen Beitrag.