Selbststeuerung von Gruppen vom 06.12.2021
Selbststeuerung ist in vielerlei begrifflichem Gewand und in unterschiedlichen Rahmungen wie New Work oder agilen Teams auf dem Beratungsmarkt vertreten. Ein aktuelles Projekt nutzt die Selbstbeschreibung basisdemokratisch und selbstorganisiert um die eigene Praxis zu beschreiben.
Dabei zeigt sich, dass nicht die Lösungen (ich orientiere mich in diesem Fall vor allem an der Soziokratie 3.0) an sich schwer zu implementieren sind. Im Weg stehen die Gewohnheiten und das eigene Narrativ, das sich in diesem Fall gegen Formalismen wehrt. Es ist die Veränderung des schon Bestehenden, das den Widerstand macht - nicht das Neue selbst. Insofern ähnelt es einer Organisation, die von einem hohen Formalisierungsgrad und klaren Hierarchien in eine agile Arbeitsorganisationen transformieren will.
Für dieses Projekt finde ich den Artikel Selbststeuerung von Gruppen von Karl Schattenhöfer im Handbuch Alles über Gruppen hilfreich. Er ermöglicht, anders als die meisten Ratgeber zum Einführen agiler Methoden oder Arbeitsformen u.Ä., eine Einschätzung des Selbststeuerungsgrades, also des Ausgangspunktes der Gruppe bzw. Teams oder Organisation. Dies bietet viele methodische Möglichkeiten, um gemeinsam mit den Klienten ihren Ausgangspunkt, ihre Widerstände und ihre Entwicklungsrichtung zu bestimmen.
Schon die Differenz von Selbstorganisation und Selbststeuerung ist in diesem Kontext relevant. Ersteres meint die Autopoiesis und die operative Geschlossenheit sozialer Systeme im Sinne Niklas Luhmanns: Das System/die Gruppe reagiert auf die Umwelt, sofern es sie wahrnimmt und als relevant erachtet. Selbstorganisation findet immer statt und muss kein bewusst gestalteter Prozess sein. Selbststeuerung beschreibt die bewusste Bezugnahme zu den eigenen Wahrnehmungs- und Reaktionsmustern sowie den eigenen möglichen Zukunftsentwürfen. Ich spreche von Selbststeuerung, wenn ein System sich bewusst zu seinen bewusst gewählten Zukunftsentwürfen verhält. Der Begriff impliziert Leitung (und damit die Frage, wer leitet) und Strategie (und damit die Fragen nach Zielen und Methoden).
Reflexion: Grundlage der Selbststeuerung
Schattenhöfer beschreibt Reflexion als "Fähigkeit [...] zur Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung in Beziehung zu sich selbst und den (als relevant wahrgenommenen) Umwelten" (454). Er unterscheidet drei Ebenen bzw. Reichweiten von Reflexion (Modelle von Mills und von Argyris, 455f., eigene Darstellung):
- Ebene single loop learning: Hier geht es um die Reflexion des eigenen Vorgehens in Bezug auf die eigene Aufgabe. Auf dieser Ebene liegen Optimierungsprozesse.
- Ebene double loop learning: Diese Ebene reflektiert Aufgaben, Ziele, Strategien und Aufbau bzw. Struktur der Gruppe und fragt, ob diese Aspekte aufeinander abgestimmt sind.
- Ebene generatives oder triple loop learning: Auf dieser Ebene werden Normen und Kultur des Teams/der Organisation in ihren Auswirkungen auf sich selbst untersucht.
Leitung und Selbststeuerung
Selbststeuerung bedeutet nicht das Ausbleiben von Leitung, sondern dass Leitungsfunktionen von der Gruppe selbst übernommen werden. Leitung meint die "absichtsvolle Beeinflussung der Gruppe" (459). Schattenhöfer unterscheidet Leitung erster Ordnung (was wird geplant/ entschieden/ getan) und Leitung zweiter Ordnung (wie wird geplant/ entschieden/ etwas getan?). Dies entspricht der Unterscheidung von Operativem und Gouvernance aus der Soziokratie.
Schattenhöfer betont, dass für eine Selbststeuerung, gerade im Sinne von Leitung zweiter Ordnung, zweierlei nötig ist. Einerseits bedarf es einer regelmäßigen Aussprache über den Zustand und die Zukunftspläne der Gruppe. Denn nur so kann sich die Gruppe selbst gemeinsam in eine Richtung bewegen. Zweitens muss sich die Gruppe ein Instrumentarium aneignen, mit dem sie Klärungen und Entscheidungen herbeiführen kann - und dies vor allem in Bezug darauf, wie geplant, entschieden, ausgeführt und reflektiert wird. Leitung wird dabei nicht als Hierarchie verstanden, sondern als eine wichtige Funktion , die von der Gruppe ausgefüllt werden muss. Damit werden Machtfragen nicht verdeckt, sondern zugänglich gemacht, indem die Entscheidungswege selbst in den Blick geraten.
Schleifenmodell
Schattenhöfer bietet das "Schleifenmodell" als Orientierung für selbst steuernde Gruppen an. Auch dieses Modell findet sich in ähnlicher Form in der Soziokratie 3.0. Es unterteilt Arbeitsprozesse in drei Phasen:
- Planen, sich orientieren, entscheiden
- Handeln, ausführen
- Reflektieren, auswerten, Schlüsse ziehen
Für Gruppen, Teams oder Organisationen liegt der konkrete Nutzen darin, diese Phasen explizit in ihrer Arbeit zu berücksichtigen, also Zeit für Lernschleifen und damit Selbststeuerung vorzusehen und diese auch aktiv zu gestalten. Ohne den bewussten Rückgriff auf die eigenen schon getroffenen Entscheidungen und die eigene angestrebte Zukunft, kann von einer Selbststeuerung nicht gesprochen werden.
Textgrundlage
Schattenhöfer, Karl (2015): Selbststeuerung von Gruppen. In: Handbuch Alles über Gruppen, Cornelia Edding, Karl Schattenhöfer. Weinheim und Basel: Beltz (S. 449-478).