Sytemische Aufstellungsarbeit vom 03.06.2024
Nach einigen Jahren bin ich zu meinem Ausbildungsinstitut artop für den Workshop Systemische Organisationsaufstellung zurückgekehrt. Dabei haben mich zwei Motive geleitet: Erstens wollte ich die Methode, auf die ich regelmäßig in der systemischen Arbeit zurückgreife, mit anderen Expert:innen reflektieren und ggf. ausbauen. Zweitens wollte ich für mich selber die systemische Begründbarkeit dieser Methode stärken.
Für mich ist die Begründung der Methode und ihrer (angestrebten) Wirkungen Teil des Transparenzgebots, das ich gegenüber Klienten hege. Dies ist umso wichtiger, da Aufstellungen durch unterschiedliche Formate, bspw. im Bereich Familienaufstellung nach Bertz Hellinger, eine gewisse öffentliche Aufmerksamkeit gewonnen haben. Die Deutungshoheit über den Fall durch den "Therapeuten" und schnelle Heilsversprechen, schlimmstenfalls noch in Großveranstaltungen präsentiert, sorgen dabei zu recht für einen schlechten Ruf, auf den bspw. die Systemische Gesellschaft in ihrer Potsdamer Erklärung der Systemischen Gesellschaft zur Aufstellungsarbeit und die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie in ihrer Stellungnahme reagieren.
Wozu Aufstellung?
Eine Aufstellung ist für mich eine Methode, die es Klienten erleichtert, neue Perspektiven auf die Situation des/der Fallgebers:in zu entwickeln. Sie nimmt Beziehungen in den Blick und visualisiert sie. Die Aufstellungsarbeit ermöglicht sowohl ein Einfühlen in die verschiedenen Positionen des aufgestellten Systems als auch einen beobachtend-beschreibenden Blick von außen. Sie gibt Raum für emotionale Reaktionen und nutzt diese für eine interpretierend-verstehende Betrachtung und Reflexion.
Sie bietet sich gerade in komplexen und festgefahrenen Situationen an, da sie andere Standpunkte als den bisher eingenommenen anbietet. Zudem verweist die Methode auf das Wechselspiel sozialer Interaktionen. Der empathische Zugang zu anderen Positionen soll Verständnis für die verschiedenen (auch eigenen) Anteile stärken und damit Verhärtungen, bspw. bei Konflikten, aufweichen. Damit wird die Entwicklung von Handlungsalternativen zu einer bisherigen Dynamik oder Stagnation erleichtert.
Wie erfolgt eine systemische Aufstellung?
Eine Aufstellung kann mit der Unterstützung von am Fall unbeteiligter Dritter, mit sogenannten Bodenankern oder auch an einem "Systembrett" (wie ein Schachbrett ohne Muster) erfolgen. Der Einbezug von Unbeteiligten erhöht die Perspektivenvielfalt und Anschaulichkeit. Es hat den Vorteil, dass Unbeteiligte ihr Erleben aus dem aufgestellten System heraus in die Fallklärung, -Interpretation und Lösungsfindung einbringen können.
Alles startet mit der Auftragsklärung, in der Ziel und Thema der Aufstellung erfolgen sowie der Ablauf der Methode geklärt werden. Danach bestimmt der/die Fallgeber:in die Elemente und positioniert sie im Raum. Der/die Fallgeber:in agiert an dieser Stelle wie ein:e Regisseur:in, der/die Szene entlang ihres inneren Erlebens abbildet. Im zweiten Schritt wird dieses Abbild des inneren Erlebens "befragt", wobei die emotionalen Reaktionen ein wichtiges Instrument sind, um Spannungen innerhalb des Systems aufzunehmen und zu benennen. Wenn die verschiedenen Positionen durchwandert sind, können mögliche Interventionen oder Zielzustände erarbeitet werden, indem die durch die/den Fallgeber:in gewählten Positionen angepasst werden.
Der bzw. die Aufstellungsleiter:in (Coach, Therapeut:in, Berater:in) begleitet diesen Prozess fragend, wertschätzend und mit dem Ziel, die Klärungsarbeit zu unterstützen. Er/Sie übernimmt dabei nicht die Deutungshoheit über den Fall, sondern unterstützt die Orientierung der/des Klienten.
Warum wirkt Aufstellung (wenn sie wirkt)?
Systemische Aufstellungen folgen den allgemeinen systemischen Grundsätzen: Die größte Expertise für den Fall liegt beim/bei der Klient:in. Damit obliegt die Falldarstellung und -deutung auch auf der Klientenseite, wobei der/die Aufstellungsleiter:in über Fragen, Beobachtungen und Deutungsangebote zum Perspektivwechsel einlädt, aber nicht aus einer vermeintlichen Expertenposition die richtige Deutung vorgibt. Es geht darum, Veränderungen in als belastend eingestufte Situationen zu suchen, wobei auf die Ressourcen zurückgegriffen wird, die dem/der Klienten:in zur Verfügung stehen.
Verhalten und Probleme werden dabei nicht einseitig verortet, sondern gelten als Koproduktion, also interaktiv hervorgebracht. Dabei sind individuelle Prägungen so wichtig wie Kommunikation (und deren vielfältigen Möglichkeiten zum Scheitern nach Schulz von Thun ) oder unbewusste oder nicht kommunizierte Erwartungen oder unterstellte Erwartungserwartungen.
Eine Aufstellung verändert bestenfalls die innere Sicht und Haltung des Klienten und erwetert damit seine wahrgenommenen Handlungsoptionen. Sie kann ihre Wirkung über die filigranen Zusammenhänge, die Interaktion und Kommunikation ermöglichen, über das individuelle Erleben in das soziale Miteinander hinaus ausweiten. Relevante Veränderungen erfolgen bspw. über eine emotionale Klärung, Akzeptanz, Verständnis für andere beteiligte Positionen, erweiterte Handlungsfähigkeit durch den Abbau innerer Blockaden oder Wahrnehmung neuer Optionen.