Dilemma, Teamentwicklung und emotionale Versorgung vom 24.08.2022
In der vergangenen Woche hat mich eine Anfrage auf Grundsatzfragen meiner eigenen Arbeit gestoßen: Was will ich ich erreichen? Wem bin ich in der Arbeit verpflichtet, Auftraggeber:innen oder Mitarbeitenden und Workshopteilnehmenden? Und welche betrieblichen Aktivitäten will bzw. kann ich guten Gewissens, wenn auch nur durch Workshopmoderationen, unterstützten?
Konkret ging es um die Anfrage eines freien Bildungsträgers, bei dem eine zentrale Anschlussfinanzierung wider Erwarten ausbleibt und daraufhin das Team verkleinert werden muss. Die Anfrage drehte sich weniger um die Umstrukturierung, angepasste Kapazitätsverteilung usw. Statt dessen soll ich Team und Teammitgliedern einen Rahmen gestalten, in dem sie die neue Situation für sich prüfen können, damit sie sich nicht so "freigesetzt" fühlen, wie sie es obviously sind.
Der Auftrag zeigt ein Dilemma, vor dem viele Anbieter wohlfahrtsstaatlicher wie von freien Bildungsleistungen stehen: Projektbasiertes Arbeiten und die Abhängigkeit von freiwilligen Leistungen (Zuwendungen) führen auf Arbeitnehmerseite zu prekären, heißt zeitlich begrenzten Arbeitsverträgen mit unsicherer Perspektive im Projektzusammenhang. Auf Organisationsseite führt dies zu beständig hohen Anforderungen bei Personalakquise, -einarbeitung und Teamintegration.
Dazu kommt oft die Aufgabe, einen kontinuierlich arbeitenden und finanzierten Stamm für die Kernaufgaben zu kreieren, an denen die Projektblümchen immer wieder sprießen können. Dass Kontinuität als Grundlage für die meisten sozialen Handlungsfelder und auch ein Lernen innerhalb der Organisation damit stark erschwert werden, sei hier nur kurz erwähnt. Das Dilemma besteht nun darin, diese Systemlogik anerkennen zu müssen, um die entsprechende Arbeit machen zu können.
Meine Skepsis dem Auftrag gegenüber geht in eine andere Richtung, mein Dilemma ist ein anderes: Die Arbeitsverhältnisse, die die betroffenen Mitarbeitenden ausgespuckt haben, sind kritikwürdig und sie stehen beispielhaft für viele Bereiche sozialer Leistungen - von freien Bildungsträgern über die Suchtberatung/-prävention bis zu Frauen- oder Begegnungshäusern. Mein Ziel mit stärkenden, ressourcenorientierten Workshops ist es nicht, die Nomaden flexibel und leistungsbereit für die nächste Stelle zu halten. Gleichzeitig finde ich es sinnvoll, auf Team- und Individualebene die neue Situation zu bearbeiten, weswegen ich den Auftrag angenommen habe.
Arbeit auf Teamebene
Das Team mit Abgängen steht nicht nur vor den Herausforderungen abwandernden (Erfahrungs-)Wissens und neu abzustimmender Abläufe. Auf Sozialebene entsteht eine Situation emotionaler Unsicherheit, die einen begleitenden Rahmen sinnvoll macht: Mit welchen Gefühlen stehen sich Bleibende und Scheidende gegenüber? Welche Gefühle, zwischen Freude, schlechtem Gewissen und dem Gefühl, zurückgelassen worden zu sein, wirken bei den Bestandsmitgliedern? Diese und ähnliche Themen sollen es dem Team ermöglichen, den Bruch zu bearbeiten und ein neues, harmonisches Team aus dem Alten hervor gehen zu lassen.
Arbeit auf Individualeben
Ergänzend wird es einen Abschnitt der individuellen Reflexion geben: Wie reagiere ich auf die Situation der Unsicherheit? Was lerne ich daraus über mich? Welche Sicherheiten strebe ich an, was ist mir wichtig? Wie reagiere ich (auch emotional), wenn der Zustand verfehlt wird? Was sind meine Strategien, um diesen Zustand (wieder) herzustellen? Welche Stärken und Ressourcen unterstützen mich dabei?
Auf der Teamebene geht es um die Beziehungsebene, die Klärung gegenseitiger Erwartungen und ggf. die Möglichkeit der Aussprache. Auf der Individualebene soll ein Rahmen zur Klärung der eigenen Anteile gegeben werden.
Offene Stelle: Kritisch und Emanzipation
Die Anfrage stößt mich darauf, dass in diesem Rahmen eine kritisch-emanzipatorische Beschäftigung, die eine Analyse der Verhältnisse und eigenen strukturellen Bedingtheiten voraussetzt, wenig möglich ist. Es ist nicht Teil des Auftrags von Workshops zur Teamentwicklung. Perspektivisch suche ich noch einen Rahmen, in dem ich stärker auch wieder diesem klassischen Ansatz der Erwachsenenbildung nachgehen kann.
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