Theater der Unterdrückten vom 02.12.2023
Gestern hatte ich dank Escala e.V - Kunst und Kultur in interkulturellen Kontext die Gelegenheit, am Auftakt zu einem Workshop zu Augosto Boals "Theater der Unterdrückten" teilzunehmen. Aus zwei Gründen wollte ich mich schon länger damit befassen und beim Workshop selber ist mir noch ein dritter aufgefallen, den ich vorher nicht auf dem Schirm hatte.
Für meine Arbeit mit Teams und Arbeitsgruppen suche ich - erstens - natürlich immer nach weiteren methodischen Zugängen und Bearbeitungsformen. Nicht, weil ich meine bisherigen Zugänge für unzureichend finde. Ich sehe im Ausprobieren anderer Methoden, dass sich mein Verständnis dafür schärft, welchen Anteil von individuellen und kollektiven Anteilen mit welchen methodischen Settings in den Blick bekomme - und welche nicht. Aber natürlich bin ich auch offen und freue mich über Anregungen, die mein Repertoire erweitern.
Interessant an diesem Zugang finde ich vor allem die gemeinsame, heute würde man sagen ko-kreative, Arbeit an Problemanalyse und Lösungsfindung. Ich teile das zugrundeliegende relationale Verständnis von sozialen Phänomenen, also die Involviertheit und gegenseitiger Abhängigkeit gerade bei Fragen sozialer Ungleichheit, Diskriminierung u.ä.. So gesehen ist es nur konsequent, dies auch methodisch zu berücksichtigen.
Boals hat - zweitens - mit dem "Theater der Unterdrückten" einen klaren politische Anspruch gehabt. Es geht um das Durchdringen von Macht- bzw. Ohnmachtsstrukturen, um daraus Solidaritäten und Strategien zu ermöglichen. Ein relevanter Teil meiner Arbeit, die ja anhand von Aufträgen erfolgt, lässt diesen Teil unberücksichtigt. Eigentlich deute ich den Ansatz damit zugunsten einer Verwertungslogik um, in der auch die persönlichen Anteile in den Dienst der Produktivarbeit gestellt werden und der emanzipatorisch-politische Anteil gänzlich verschwindet. Das Spannungsfeld von Produktivitätssteigerung /-erhalt auf der einen und Stärkung, Empowerment und Resilienzsteigerung auf der anderen Seite, in dem man sich in meinem Berufsfeld aussetzt, taucht hier wieder auf.
Einen dritter Punkt ist mir im Verlauf des ersten Workshoptages aufgefallen, die mir vorher nicht so bewusst war: Die Arbeit besteht in einem Oszillieren zwischen einem individuellen Fall und seiner allgemeinen Bedeutung, den gesellschaftlichen oder strukturellen Anteilen. In der Abstraktion von den Details der individuellen Erzählung geht das Individuelle nicht verloren, sondern es geht auf in einem Größeren. Dies schwächt die persönlich verletzende Spitze der Erzählung eines individuellen Ungerechtigkeitserlebnisses etwas ab, wobei deren Voraussetzungen wie Ungleichheitsverhältnisse in den Blick kommen.
Ich schätze es, ab und an die Rolle des Teilnehmers zu schlüpfen. Hier kann ich selber überprüfen, welches Verhalten und welches Vorgehen einer Workshopleitung bei mir was ausübt. Fühle ich mich ausreichend informiert, orientiert, aufgehoben etc. und wie sorge ich dafür, dass diese Grundbedürfnisse sichergestellt sind. auch hier freue ich mich über regelmäßigen Perspektivwechsel sowie Anregungen aus dem Kolleg:innenkreis. Der Workshop wurde von Kuringa aus Berlin durchgeführt. Ich freue mich auf die kommenden Termine.